Musikalisch-literarische Spaziergänge

4. Juni 2018 Allgemein, Konzert

Wenn Atem zu Luft wird.
Ein musikalisch-literarischer Spaziergang auf dem St. Johannis-Friedhof

von Maren Zimmermann

Der St. Johannis-Friedhof hat 500. Geburtstag. Ein Ort der Toten hat Geburtstag? Geht das? Feiert man das? Wie klingt das: Happy Birthday, Friedhof?
In jedem Fall sind die 500 Jahre des Bestehens ein Anlass, sich in Erinnerung zu rufen, welches Kleinod mitten in unserer Stadt liegt, das unendlich viel über die Geschichte dieser Stadt und unser Verhältnis zum Tod erzählt.
Zunächst wurde er im Jahr 1518 während einer großen Pestepidemie dazu ausersehen, die Pesttoten außerhalb der Stadtmauern zu beerdigen. Inzwischen liegt er mitten in der Stadt und ist weltbekannt wegen seiner mit wertvollen Bronzeepitaphien versehenen, kulturgeschichtlich bedeutsamen, liegenden Grabsteine und der Gräber berühmter Nürnberger aus vier Jahrhunderten. Aufgrund der vielen Rosenbüsche stellt er im Sommer, neben seiner kulturhistorischen Bedeutung, für Lebende auch einen Ort der Ruhe und Erholung inmitten des städtischen Trubels dar.
Ist er denn überhaupt in erster Linie ein Ort der Toten? Oder ist er nicht viel eher ein Ort der Lebenden, die versuchen müssen, mit dem Tod geliebter Menschen und dem Gedanken an die eigene Vergänglichkeit klar zu kommen?
Wann immer ich über diesen Friedhof gehe und die kunstvollen und unbedingt erhaltenswerten Epitaphien bewundere, stellt sich mir unweigerlich an einem bestimmten Punkt die Frage, warum es eigentlich so wichtig ist, der Nachwelt mitzuteilen, ob ich Bäcker oder Bürgermeister war. So schön ich diese Nachrichten an uns aus einem vergangen Jahrhundert finde, und so gerne ich sie besuche, so fremd ist mir persönlich die Idee, einen Ort schaffen zu müssen, der der Nachwelt erzählt, was ich in meinem Leben vermeintlich oder wirklich erreicht habe.
Und während ich dies hier schreibe, stellt sich mir auch schon gleichzeitig wieder die Frage, ob dieser Gedanke nun von besonderer innerer Gelassenheit oder eher von besonders intensiver Verdrängung zeugt. Es wird viel darüber geschrieben, dass unsere Gesellschaft versucht, den Tod aus unserem Bewusstsein zu verbannen. Zeitgleich scheint sich erneut ein Wandel in unserer Beerdigungskultur zu vollziehen. Friedwälder entstehen, kleine unauffällige Urnengräber bestimmen moderne Friedhöfe. Es ist fast undenkbar, dass sich jemand noch eine ganze Kapelle für sich und seine Familie bauen lässt. Ist das ein Zeichen der Entspannung oder der endgültigen Ausgrenzung?
Viele Fragen, auf die niemand eine sichere, intellektuell geerdete Antwort geben kann. Aber man kann ihnen in Literatur und Musik nachspüren, kann, in der besonderen Atmosphäre des St. Johannis-Friedhofs, seine eigenen Gedanken und Gefühle dazu in Bezug setzen und der persönlichen Wahrheit vielleicht ein kleines Stück näherkommen. In diesem Sinn möchten wir Sie einladen, uns auf einem literarisch-musikalischen Rundgang zu begleiten und zu erleben, wie Atem in der Luft zu Klang wird.

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